Chronische Kopfschmerzen von Dr. Carsten Schröter Inhalt:
Chronische Kopfschmerzen –Einleitung
Im folgenden sollen die beiden häufigsten Arten chronische
r
Kopfschmerzen dargestellt werden: die Migräne und der Kopfschmerz vom
Spannungstyp (Spannungskopfschmerz). Über 90% der Bevölkerung leiden im
Verlauf ihres Lebens unter dem Kopfschmerz vom Spannungstyp
(Spannungskopfschmerz). Etwa 7% aller Männer und 13% aller Frauen leiden unter
einer Migräne. In Anbetracht der großen Häufigkeit werden Kopfschmerzen oft
als „etwas Normales“, eine Bagatelle, abgetan und der gezielten Behandlung
von Arzt und Patient nicht viel Bedeutung beigemessen. Der Patient wendet sich
mit Fragen zur Behandlung oft nur an den Apotheker. Gerade bei chronische
n
Kopfschmerzen sollte die Behandlung aber regelmäßig mit dem Hausarzt oder
einem Neurologen besprochen werden, um zu schauen, welche Möglichkeiten
bestehen, eine verträglichere oder effektivere Therapie existieren oder auch ob
die bisherige Therapie sinnvoll und sicher ist. Chronische Kopfschmerzen – Spannungskopfschmerz
Der
Spannungskopfschmerz
ist eine der häufigsten Erkrankungen in der heutigen
Gesellschaft.
Chronische
Kopfschmerzen – Spannungskopfschmerz - Definition
Für
den Kopfschmerz vom Spannungstyp (Spannungskopfschmerz) existieren viele
verschiedene Namen, wie zum Beispiel
-
Muskelkontraktionskopfschmerz
-
psychogener Kopfschmerz
-
vasomotorischer Kopfschmerz
Erst
1988 wurde von der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (International
Headache Society (IHS)) diese Form der Kopfschmerzen genau klassifiziert. Zu den
Kriterien gehören
-
Dauer der Kopfschmerzen: 30 Minuten bis 7 Tage
-
Mindestens 2 der folgenden Charakteristika
o
Beiderseitig auftretend
o
Drückend, ziehend, nicht pulsierend
o
Leichte bis mittelschwere Schmerzintensität
o
Keine Zunahme bei Aktivität
-
Weitgehendes Fehlen von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit
-
Ausschluss anderer Ursachen von Kopfschmerzen
Treten
die Kopfschmerzen an weniger als 180 Tagen im Jahr auf, wird vom episodischen
Kopfschmerz gesprochen. Treten sie an über 15 Tagen im Monat in einem Zeitraum
von 6 Monaten auf, liegt ein chronischer Spannungskopfschmerz vor.
Chronische Kopfschmerzen -
Spannungskopfschmerz - Beschreibung:
Der
Spannungskopfschmerz wird vom Patienten oft wie ein Ring, ein Eisenband um den
Kopf herum beschrieben. Oft wird der Schwerpunkt der Schmerzen am Hinterkopf
berichtet. Die Intensität wird als leicht bis mittelschwer angegeben. Auslöser
oder Verstärker können Stress, aber auch fieberhafte Infekte sein. Es besteht
keine ausgesprochene Korrelation zwischen der Häufigkeit des Auftretens und dem
Alter. Er kann bereits im Kindesalter auftreten, fällt meist im zweiten bis
dritten Lebensjahrzehnt auf.
Chronische Kopfschmerzen -
Spannungskopfschmerz - Ursachen:
Über Jahrzehnte wurde
diskutiert, ob der Spannungskopfschmerz entweder von Muskeln und Bindegewebe
herrührt oder aber durch Mechanismen im Gehirn entsteht. Die verschiedenen
Untersuchungen sprechen für Ursachen in beide Bereichen. Es werden eine
Aktivierung von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) in den Muskeln, aber auch eine
verminderte Schmerzschwelle bei der Verarbeitung des Schmerzes im Gehirn
angenommen. Untersucht man die Patienten, wird oft eine verstärkte Anspannung
von den Muskeln im Kopfbereich sowie der Schultermuskulatur bemerkt. Ursache und
Bedeutung der vermehrten Anspannung sind noch nicht geklärt. Für die
verminderte Schmerzschwelle bei der Schmerzverarbeitung könnten Störungen im körpereigenen
Opioidsystem oder anderen Überträgersystemen des Nervensystems verantwortlich
sein. Gesicherte Befunde liegen hier aber noch nicht vor.
Auch ist die Ursache des
Auftretens der Kopfschmerzen besonders bei Stress nicht bekannt. Es wurde
untersucht, ob es bestimmte Persönlichkeitsprofile gibt, die mit einer Häufung
von Spannungskopfschmerz einhergehen. Hier ergaben sich aber keine Auffälligkeiten.
Nur bei der chronischen Verlaufsform wurden öfter Angst und Depression bei den
Betroffenen beschrieben. Hierbei kann es sich aber wie bei anderen chronischen
Erkrankungen um eine Folge und nicht um ein primäres Geschehen handeln.
Eine genetische
Belastung (Veranlagung) zum chronischen Spannungskopfschmerz wurde in Form eines
3,2-fach erhöhten Risikos bei Verwandten ersten Grades beschrieben. Die Art der
genetischen Übertragung scheint aber komplex zu sein. Migräne und
Spannungskopfschmerz sind verschiedenartige Erkrankungen, obwohl sie bei einigen
Patienten in Kombination bestehen.
Chronische Kopfschmerzen -
Spannungskopfschmerz - Diagnostik: Vor der Therapie ist die
individuelle Art der Kopfschmerzen genau zu bestimmen. Kopfschmerzen, die Folge
einer Erkrankung im Bereich des Schädels oder anderer Art sind, sind
abzugrenzen und ursächlich zu behandeln. Hierzu ist der Patient genau zu
befragen (Anamnese) und körperlich zu untersuchen. Um einen
Spannungskopfschmerz anzunehmen, müssen der neurologische Befund unauffällig
und der Blutdruck normal sein. Insbesondere sollte untersucht werden, ob
Erkrankungen der Augen bestehen, ob eine Brille benötigt wird. Ebenso ist bei
neu aufgetretenen Kopfschmerzen an Erkrankungen der Nasennebenhöhlen zu denken.
Störungen des Kieferapparates können zu gleichartigen Schmerzen führen.
Treten die Schmerzen besonders morgens auf, kommen auch schlafbezogene Störungen
der Atmung als Ursache in Frage, beispielsweise ein sogenanntes
Schlaf-Apnoe-Syndrom. Bildgebende Untersuchungen wie Computertomographie (CCT)
und Magnetresonanztomographie des Schädels (MRT) sind nur bei atypischen
Kopfschmerzen und auffälligem neurologischen Befund sowie Veränderung der
Kopfschmerzen im Verlauf notwendig, beispielsweise, wenn sich der Schwerpunkt
oder die Art der Kopfschmerzen verändern. Insbesondere im höheren Lebensalter
auftretende Kopfschmerzen müssen an entzündliche Gefäßerkrankungen (Arteriitis
temporalis) denken lassen. Zudem können bestimmte Medikamente Kopfschmerzen
auslösen.
Chronische Kopfschmerzen -
Spannungskopfschmerz - Behandlung:
Grundsätzlich
sollten die individuell günstigste Behandlung und mögliche Nebenwirkungen mit
dem Hausarzt oder Neurologen besprochen werden! Dennoch sollen im Folgenden einige Therapieformen geschildert werden.
Eine spezifische
Behandlung von Spannungskopfschmerz gibt es nicht. Die gegenwärtige
Behandlungsstrategie unterscheidet die Behandlung der einzelnen Attacke und die
Prophylaxe weiterer Attacken.
Um dem
Spannungskopfschmerz vorzubeugen sind zunächst Auslösemechanismen (Trigger) zu
erkennen und zu beseitigen. Hierzu gehören insbesondere psychischer Stress und
Angst.
Therapie der akuten
Episode
Bevor man an Medikamente
zur Behandlung eines Spannungskopfschmerzes denkt, sollte man andere
Therapieformen in Erwägung ziehen und ausprobieren. Eine kleine Studie hatte
beispielsweise den Effekt von Pfefferminzöl (Japanisches Heilpflanzenöl),
gerieben auf Stirn und Schläfen, gezeigt. Diese Therapie ist besonders
nebenwirkungsarm. Aber auch der Eisbeutel auf die Stirn, bei manchen Patienten
ein warmes Dinkelkissen in den Nacken, leisten im Einzelfall gute Dienste.
Auch kann der Einsatz
eines Entspannungsverfahrens, der Progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson
(PMR) oder des Autogenen Trainings zur Schmerzlinderung führen. Diese Verfahren
müssen aber erst erlernt und dann regelmäßig angewendet werden, um auch im
Bedarfsfall zur Verfügung zu stehen.
Für die symptomatische
Behandlung eines Spannungskopfschmerzes sind folgende Medikamente geeignet:
·
500 – 1000 mg Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin®)
·
500 – 1000 mg Paracetamol (z.B.
Ben-u-ron®)
·
400 – 800 mg Ibuprofen (z.B. Tabalon®)
·
500 – 1000 mg Metamizol (Novaminsulfon,
z.B. Novalgin®)
Dabei
ist besonders bei längerer Einnahme, prinzipiell aber auch bei einmaliger
Einnahme, die Gefahr von Magenschleimhautentzündungen bis hin zu tödlichen
Magenblutungen zu berücksichtigen. In dieser Hinsicht weist Paracetamol das günstigste
Profil auf. Bei letzteren ist besonders bei Leberschäden Vorsicht walten zu
lassen. Metamizol ist vorübergehend wegen einer akuten Abnahme der Zahl der weißen
Blutkörperchen mit tödlichem Ausgang aus dem Handel genommen worden. Diese
Nebenwirkung ist aber sehr selten.
Ein
besonderes Problem der Schmerzmittel stellt aber gerade beim
Kopfschmerzpatienten der sogenannten analgetikainduzierte Dauerkopfschmerz
dar. Dies bedeutet, dass es bei regelmäßiger Einnahme von Schmerzmitteln
(Analgetika) zu einem Dauerkopfschmerz kommen kann. Er ist meist beiderseitig
lokalisiert, kann aber auch einseitig betont sein. Er wird meist als leicht bis
mäßiggradig, dumpf, diffus, zum Teil auch pulsierend beschrieben. Übelkeit
und auch Lichtscheu können auftreten. Er bessert sich kurzzeitig auf
Schmerzmittel. Versucht der Patient, die Schmerzmittel abzusetzen, verstärkt
sich der Kopfschmerz oft erheblich. Der Patient schließt daraus, dass er das
Medikament doch nicht absetzen kann und nimmt es weiter. Begleitstoffe erhöhen
die Gefahr der Gewöhnung. Beispielsweise werden die oben genannten Substanzen
zum Teil mit Coffein kombiniert. Obwohl in ähnlichen Dosen wie in einer Tasse
Kaffee ist die Substanz hier problematisch. Die Erfrischung und verbesserte
Leistungsfähigkeit, die man durch eine Tasse Kaffee erlebt, erlebt man nun auch
durch die Kopfschmerztablette. Die Bereitschaft eine weitere Tablette zu nehmen
ist dadurch – unbewusst – höher als wenn man nur eine Tablette mit einem
Inhaltsstoff nimmt – und eine Tasse Kaffee später trinkt.
Wie
kann der analgetikainduzierte Dauerkopfschmerz behandelt werden? Nur über ein
konsequentes Absetzen der Schmerzmedikamente, eine Verstärkung der
Kopfschmerzen ist dann für 3 bis 4 Tage zu erwarten, selten länger. Dann nimmt
er auf das früher bestehende Niveau ab. Das Vorgehen beim Absetzen sollte
vorher unbedingt mit dem Hausarzt oder Neurologen abgesprochen werden.
Therapie
des chronischen Spannungskopfschmerz
Zunächst
ist zu überprüfen, ob wirklich ein chronischer Spannungskopfschmerz besteht,
die Kopfschmerzen also an mindestens 15 Tagen im Monat über einem Zeitraum von
6 Monaten vorliegen. Hier sind insbesondere auch andere Ursachen chronischer
Schmerzen zu eruieren. Vor allem ist zu überprüfen, ob der oben geschilderte
analgetikainduzierte Dauerkopfschmerz besteht.
Liegt
wirklich ein chronischer Spannungskopfschmerz vor, sind zunächst auch erst
einmal die allgemeinen Maßnahmen durchzuführen. Ganz wichtig ist dabei das Führen
eines
Kopfschmerzkalenders.
Verschiedene Formen eines
Kopfschmerzkalenders sind im Internet abrufbar. Im Internet verfügbar ist ein
Formular der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Mit einem solchen
Kalender ist die Zahl und Art der Kopfschmerzattacken sicher zu ermitteln. Auch
kann geschaut werden, ob die Kopfschmerzen immer zu bestimmten Zeiten oder in
Verbindung mit bestimmten Ereignissen auftreten. Lassen sich solche Auslösemechanismen
ermitteln, kann versucht werden, sie gezielt zu vermeiden.
Eine
erfolgversprechende Therapieoption ist Ausdauersport. Durch regelmäßiges
Ausdauertraining wie z. B.
·
Jogging
·
Schwimmen
·
Radfahren
zwei-
bis dreimal eine halbe Stunde pro Woche ist eine Minderung der Häufigkeit der
Schmerzen zu erreichen.
Wichtig
ist auch das Entspannungstraining. In Frage kommen die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR) und das Autogene
Training. Diese Verfahren müssen erlernt und dann regelmäßig angewendet
werden. Sie sollen nicht nur bei Schmerzen sondern regelmäßig eingesetzt
werden. Sie können in unserer Rehabilitationsklinik erlernt werden, aber auch
viele Volkshochschulen und Krankenkassen bieten Kurse an. Dabei ist die PMR
schneller und leichter zu erlernen.
Ebenfalls
sinnvoll ist ein spezielles Stressbewältigungstraining. Dabei sollen Strategien
für einen guten und gesunden Umgang mit Stress bzw. eine Verminderung von
Stress im Alltag angestrebt werden.
Auch
ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus kann zu einer Besserung der
Schmerzerkrankung beitragen.
Ist
eine medikamentöse Behandlung notwendig, stellen Antidepressiva die
Medikamentengruppe der Wahl dar. Speziell Amitriptylin (z.B. Saroten®) und Amitriptylinoxid (z.B. Equilibrin®) wurden in mehreren Studien als effektiv
getestet. Für andere Substanzen wie Doxepin (z.B. Aponal®) oder Imipramin
(z.B. Tofranil®) oder Clomipramin (z.B. Anafranil®) liegen weniger Studien
vor, aber auch sie zeigten sich als effektiv. Unklar ist die Situation noch bei
den neueren Antidepressiva wie dem sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Citalopram (wie z.B. Cipramil®). Hier liegen
bislang keine ausreichenden Studien vor.
Die
Antidepressiva haben eine eigene schmerzhemmende Wirkung. Diese setzt wie bei
den üblichen Schmerzmitteln nicht nach 20 bis 30 Minuten ein, sondern benötigt
eine regelmäßige Einnahme. Nach etwa zwei Wochen ist mit der Wirksamkeit zu
rechnen, sie kann aber abschließend erst nach 4 bis 6 Wochen beurteilt werden.
Der Effekt kommt zustande durch die Wirkung auf Überträgersubstanzen wie
Serotonin und Noradrenalin, die auch in der Schmerzverarbeitung von Bedeutung
sind. Die Wirkung der Medikamente ist unabhängig davon, ob die behandelte
Person depressiv ist oder nicht. Zu beachten ist besonders, dass die Medikamente
bei grünem Star oder vergrößerter Vorsteherdrüse (Prostata) mit
Restharnbildung sowie bestimmten
Herzfunktionsstörungen nicht eingesetzt werden können. Die benötigte Dosis
ist meist deutlich geringer als die für die Behandlung der Depression.
Die
Antidepressiva sollten nur in Kombination mit den oben genannten allgemeinen Maßnahmen
eingesetzt werden.
In
den letzten Jahren wurde eine weitere Therapie-Alternative erarbeitet: der
Einsatz von Botulinum-Toxin. Die Substanz ist ein Gift, das in niedriger
Dosierung in Muskeln injiziert wird. Durch Botulinum-Toxin wird der Kontakt
zwischen Nervenfaser und Muskel zerstört. Der Effekt ist aber nur vorübergehend.
Nach etwa 3 Monaten ist der Kontakt wieder neu ausgebildet, und die Behandlung
muss wiederholt werden. Bei Personen, die Injektionen in die Muskeln des Kopfes
erhielten, um Faltenbildung zu vermindern, wurde eine Minderung der
Kopfschmerzen berichtet. Studien belegten dann den Effekt des Medikaments.
Einerseits kann der geschilderte Wirkungsmechanismus zur Schmerzlinderung führen,
es werden aber weitere Effekte im schmerzleitenden System diskutiert. Eine
abschließende Beurteilung ist heute noch nicht möglich. Chronische Kopfschmerzen –Migräne - Einleitung
Wie oben beschrieben, leiden etwa 7% aller Männer und 13%
aller Frauen unter einer Migräne. Vor der Pubertät beträgt die Häufigkeit
der Migräne 4 – 5 %, und Jungen und Mädchen sind gleich häufig betroffen.
Die größte Häufigkeit der Migräneattacken liegt zwischen dem 35. und 45.
Lebensjahr.
Chronische Kopfschmerzen –Migräne - Beschreibung
Bei der Migräne treten meist einseitige Kopfschmerzen von pochendem Charakter auf, die als sehr heftig erlebt werden. Geringe körperliche Tätigkeiten, wie beispielsweise schon das Steigen einer Treppe, führen zu einer Zunahme der Schmerzen. Vegetative Begleiterscheinungen wie Übelkeit sind fast immer und Erbrechen in etwa der Hälfte der Patienten vorhanden. Auch Lichtscheu und Lärmempfindlichkeit werden regelmäßig berichtet. Die Patienten ziehen sich deshalb gern in ein dunkles Zimmer zurück und legen sich hin. Die Schmerzen können auch beiderseitig auftreten. Meist ist bei einseitigem Vorliegen eine Seite bevorzugt. Oft wird ein Beginn der Schmerzen im Nacken angegeben, sie breiten sich dann über die Schläfen bis zur Stirn oder darüber hinaus bis zum Auge aus. Die Dauer einer Kopfschmerzattacke beträgt von 4 Stunden bis zu 3 Tagen. Die meisten Patienten berichten eine Dauer von einem Tag. Die Schwere und Häufigkeit von Migräneattacken nimmt nach dem 45. Lebensjahr meist ab, sowohl bei Frauen wie auch bei Männern.Bei einem Teil der Patienten geht den Kopfschmerzen schon 1 bis 2 Tage allgemeines Unwohlsein voraus. Hier sprechen wir von Vorbotensymptomen. Ein weiterer Teil der Patienten, etwa 10% berichten 20 bis 30 Minuten vor Auftreten der Migräne-Kopfschmerzen über neurologische Reiz- und Ausfallserscheinungen, die als Aura bezeichnet werden. Besonders typisch sind als Zeichen der Reizung der Sehrinde gezackte Linien, die in einer Gesichtsfeldhälfte auftreten, zunächst sehr klein sind und sich dann langsam ausbreiten. Auch Gefühlsstörungen, Schwindel, sogar Lähmungen und Sprachstörungen können in diesem Rahmen auftreten. Dabei ist typisch, dass sie sich über 10 bis 20 Minuten entwickeln und nicht schlagartig auftreten. In jedem Falle sollte aber umgehend bei Auftreten eine neurologische Untersuchung stattfinden, um nicht die Diagnose eines Schlaganfalls zu übersehen. Aus einem Schlaganfall würden sich ganz andere diagnostische und therapeutische Konsequenzen ergeben. Mit dem Abklingen der Aura-Symptome tritt charakteristischerweise der Kopfschmerz auf.
Bei Frauen tritt die Migräne oft in zeitlicher Bindung zur
Menstruation auf. Hier wird von einer so genannten menstruellen Migräne
gesprochen.
Chronische Kopfschmerzen –Migräne - Ursachen
Die Ursachen der Migräne sind noch nicht ausreichend geklärt.
Für eine spezielle Form der Migräne wurden zwei Gene auf dem Chromosom 1 und
dem Chromosom19 als Ursache erkannt. Für die meisten Patienten mit Migräne ist
eine familiäre Veranlagung feststellen. Zwillingsstudien belegen ebenfalls, das
genetische Faktoren (Erbfaktoren) mit für das Auftreten der Erkrankung
verantwortlich sind. Wahrscheinlich bewirken sie, dass der Patient empfindlicher
für verschiedene Reize ist und mit einer Migräneattacke reagiert.
Wahrscheinlich befindet sich im Hirnstamm ein
„Generator“, der die Migräneattacke in Gang bringt. Die meisten Patienten
kennen verschiedene Auslöser gut, die die Attacke „triggern“. Hierzu gehören:
-
Hormonelle Schwankungen im Rahmen
des Monatszyklus der Frau (Häufung während
|
| Imigran® |
Sumatriptan |
| AscoTop® | Zolmitriptan |
| Naramig® | Naratriptan |
| Maxalt® |
Rizatriptan |
| Relpax® | Eletriptan |
| Almogran® |
Almotriptan |
| Allegro® | Frovatriptan |
Welches
dieser Präparate in welcher Zubereitung (Tablette, Zäpfchen, Injektion,
Nasenspray) für den einzelnen Patienten am günstigsten ist, ist individuell zu
ermitteln. Es handelt sich um spezifische Migränemittel. Für den
Spannungskopfschmerz sind sie nicht wirksam. Vorteil der Triptane im Vergleich
zu den unten angesprochenen Mutterkornalkaloiden ist, dass sie zu jedem
Zeitpunkt der Schmerzattacke eingesetzt werden können, also auch noch, wenn der
Schmerz schon sehr heftig ist, sogar wenn das Maximum schon erreicht ist. Von
Vorteil ist auch, dass die Triptane die Übelkeit und Erbrechen ebenfalls
bessern. Ein zusätzliches Medikament ist deshalb für diese Symptome in der
Regel nicht notwendig.
Bei
länger andauernden Migräneattacken kann die Wirksamkeit des Triptans zu früh
enden, was ein erneutes Auftreten der Kopfschmerzen nach sich zieht. Eine zweite
Dosis des Triptans ist dann wieder wirksam. Dabei ist aber zu berücksichtigen,
dass zu häufige Einnahme der Triptane zu einer Erhöhung der Häufigkeit der
Migräneattacken führen kann und schließlich zu einem medikamentenbedingten
Dauerkopfschmerz führen kann. Aus diesem Grunde sollten nicht mehr als 10
Einzeldosen der Triptane pro Monat eingenommen werden. Auch wird damit deutlich,
dass die Triptane nicht auf Verdacht eingesetzt werden sollen. Triptane dürfen
nicht in der Phase der Aura eingesetzt werden. Auch dürfen sie auf keinen Fall
mit einem Mutterkornalkaloid kombiniert werden.
Lebensbedrohliche
Nebenwirkungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall wurden bei Sumatriptan (Imigran®)
in einer Häufigkeit von 1 : 1.000.000 Anwendungen gesehen. Als
Kontraindikationen, also Umstände, die den Einsatz der Triptanen verbieten,
gelten:
·
Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)
·
Koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörungen des Herzens)
·
Herzinfarkt in der Vorgeschichte
·
M. Raynaud (Durchblutungsstörungen im Bereich der Finger)
·
Arterielle Verschlusskrankheit
·
Schlaganfall oder vorübergehende Durchblutungsstörungen des
Gehirns
·
Stillzeit
·
Kinder
·
Schwere Leber- oder Nierenfunktionsstörung
Mutterkornalkaloide
sind seit vielen Jahren im Einsatz. Zum Beispiel Dihydergot® und Migrexa® gehören
zu dieser Gruppe. Die Triptane wurden im Vergleich als besser getestet. Günstig
sind die Mutterkornalkaloide bei Patienten mit langen Migräneattacken einzuschätzen.
Im Vergleich zu den Triptanen treten die Kopfschmerzen nach der Einnahme der
Mutterkornalkaloide seltener im Rahmen derselben Attacke wieder auf. Auch bei
diesen Medikamenten ist die Gefahr des medikamentenbedingten Dauerkopfschmerzes
gegeben. Deshalb soll ein Mutterkornalkaloid nicht öfter als 8 bis 10mal im
Monat eingesetzt werden. Die Kontraindikationen entsprechen im wesentlichen
denen der Triptane.
Die
Medikamente werden über die Einnahme als Tablette nur schlecht in die Blutbahn
aufgenommen. Deshalb wird die Einnahme als Zäpfchen empfohlen.
Allgemeine Maßnahmen sollten bei Patienten, die häufiger
als monatlich unter Migräneattacken leiden grundsätzlich eingesetzt werden.
Hierzu gehört das Führen eines Kopfschmerzkalenders, das Erkennen von Auslösemechanismen,
wie oben ausgeführt.
Im Internet verfügbar
ist ein Formular der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.
Sind
beispielsweise bestimmte Nahrungsmittel als Auslöser erkannt, können diese
vermieden werden. Stress sollte gegebenenfalls reduziert werden. Hierzu dienen
Entspannungstechniken
wie die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder das Autogene Training.
Diese
Verfahren müssen erlernt und dann regelmäßig angewendet werden. Sie sollen
nicht nur bei Schmerzen sondern müssen regelmäßig eingesetzt werden. Nach Möglichkeit
sollte man sich zweimal am Tag hierfür Zeit nehmen. Die Techniken können in
unserer Rehabilitationsklinik erlernt werden, aber auch viele Volkshochschulen
und Krankenkassen bieten Kurse an. Dabei ist die
Progressive
Muskelrelaxation
schneller und leichter zu erlernen. Zudem gibt es Strategien,
die den Umgang mit Schmerz erleichtern. Kurse, die solche Schmerzbewältigungsstrategien
vermitteln, sind ebenso wie Stressbewältigungskurse zu empfehlen.
Eine
erfolgversprechende Therapieoption ist Ausdauersport. Durch regelmäßiges
Ausdauertraining wie z. B.
·
Jogging
·
Schwimmen
·
Radfahren
Mindestens zwei- bis dreimal eine
halbe Stunde pro Woche kann oft eine Minderung der Häufigkeit der Schmerzen
erreicht werden.
Medikamentöse Vorbeugung
sollte zum Einsatz kommen, wenn mehr als drei Attacken pro Monat oder Attacken
mit einer Dauer von über 48 Stunden auftreten, die Attacken als unerträglich
empfunden werden, die medikamentöse Behandlung der Attacken nicht vertragen
wird oder unzureichend wirksam ist.
Medikamente der Wahl sind die so genannten
Betablocker. Problematisch kann sein, dass der sowieso oft schon niedrige
Blutdruck der Patienten durch diese Medikamente noch weiter reduziert werden
kann. Durch einschleichende Dosierung lässt sich dieser Effekt teilweise
umgehen.
Flunarizin stammt aus der Gruppe der so genannten Kalzium-Antagonisten. Häufige Nebenwirkungen sind Gewichtszunahme und Müdigkeit.
Als
weitere Substanzen kommen in Frage Valproinsäure, Acetylsalicylsäure oder
Pestwurz. Auch gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit von Gabapentin.
Amitriptylin kann besonders eingesetzt werden, wenn neben der Migräne ein
Spannungskopfschmerz vorliegt.
In
neuerer Zeit gibt es auch Untersuchungen, die eine Wirksamkeit von
Botulinum-Toxin anzeigen.
Die Substanz
ist ein Gift, das in niedriger Dosierung in Muskeln injiziert wird. Durch
Botulinum-Toxin wird der Kontakt zwischen Nervenfaser und Muskel zerstört. Der
Effekt ist aber nur vorübergehend. Nach etwa 3 Monaten ist der Kontakt wieder
neu ausgebildet, und die Behandlung muss gegebenenfalls wiederholt werden.
Personen, die Injektionen in die Muskeln des Kopfes erhielten, um Faltenbildung
zu vermindern, berichteten eine Minderung der zuvor bestehenden Kopfschmerzen.
Studien belegten dann den Effekt des Medikaments. Neben dem geschilderten
Wirkungsmechanismus werden weitere Effekte im schmerzleitenden System zur
Schmerzlinderung diskutiert. Eine abschließende Beurteilung über die
Wirksamkeit und die Bedeutung des Medikaments in dieser Indikation ist heute
noch nicht möglich. Hier sind weitere Untersuchungen abzuwarten.
Die
Wirksamkeit der Vorbeugung der verschiedenen Maßnahmen ist grundsätzlich durch
den Kopfschmerzkalender zu belegen. Erst nach 8 bis 12 Wochen ist überzeugend
festzustellen, ob das eingesetzte Medikament effektiv wirkt oder ein anderes benötigt
wird.
Abschließend
möchten wir auf die zehn Tipps für Migräne-Patienten hinweisen, die die
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) zusammengestellt
hat:
1.
Behalten Sie Ihren Schlaf-Wachrhythmus bei.
2.
Meiden Sie Ihre persönlichen Migräne-Auslöser.
3.
Meiden Sie Saunabesuche.
4.
Treiben Sie Sport.
5.
Hetzen Sie nicht in den Urlaub.
6.
Planen Sie Ihren Tagesablauf (nicht zuviel vornehmen).
7.
Lernen Sie „Nein“ zu sagen.
8.
Seien Sie kein Prinzipienreiter (Lassen Sie mal Fünfe gerade
sein).
9.
Bitte keinen 48 Stunden-Tag.
10.
Bitte
mehr genießen...
Stellen
chronische Kopfschmerzen ein gravierendes Gesundheitsproblem dar und lassen sie
sich nicht durch die ambulante Behandlung ausreichend bessern, ist eine stationäre
Rehabilitation zu empfehlen. In diesem Rahmen können die Optimierung der
Attackenbehandlung, die vorbeugende Behandlung und vor allem auch das
Entspannungstechniken, Stress- und Schmerzbewältigungsstrategien erlernt
werden.
Als Kostenträger kommen bei Patienten, die im Arbeitsleben stehen, die Rentenversicherungsträger (BfA und LVA) und bei den übrigen Patienten die Krankenkassen in Frage.
Mit
den besten Wünschen, insbesondere für Ihre Gesundheit
Dr. med. Carsten Schröter
Chefarzt
der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Arzt für Neurologie
Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen
Weitere Medizinische Informationen
und
Links für Patienten und Interessierte –
von
Amyotrophe Lateralsklerose bis zur
Therapie der spastischen Spinalparalyse
-
finden Sie hier.
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